Home
 
Fünf - Kleine - Engel - Seite
5-kleine-Engel-Seite

Verpasste Chancen oder hätte ich doch!

Weiche
„Wir hatten noch so viele Pläne!“, sagte sie mit leisen Worten. Dabei schauten ihre Augen traurig und erschöpft auf den Besucher. Den flachen Gesichtsmuskeln fehlte jede Spannung. Sie sah niedergeschlagen, ja kraftlos aus dem Fenster.

Draußen spielten lausbubige Kinder auf der nahe gelegenen Wiese. Es war ein warmer Sommertag, ein regelrechter Tag wie im  Bilderbuch, ein Tag zum Genießen, ein Tag zum Leben.

„Ich wollte mit meinem Mann noch so viel Reisen.“, fuhr sie fort, „ Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind und wir Zeit für....“ Der Satz stockte. Dabei schaute sie wie zufällig auf das hölzerne Kruzifix über ihrem Bett. Sie seufzte, machte einen tiefen Atemzug und schwieg.

„Ach, hätte ich doch!“ sagte sie dann nach einer langen Pause. „Wir wollten im Herbst nach Mallorca fliegen. Damit wird es wohl nichts!“ Ihre Augen füllten sich langsam mit Wasser. Sie nahm zitternd das Taschentuch und  betupfte ihre Augen. Die offenen Gefühle waren für sie sehr unangenehm.

„Ich bin erst seit einem Jahr in Rente und jetzt die schwere Krankheit. Wir hatten uns so auf das gemeinsame Rentnerdasein gefreut. Wir wollten noch viel von der Welt sehen. Immer waren wir für andere da, immer nur die Arbeit - und jetzt?“ Sie neigte den Kopf und hörte auf die Kinder, die draußen unbekümmert lärmten.

„Ach, hätte ich doch mehr von meinen Enkelkindern gehabt. Nie konnte ich eine intensive Beziehung aufbauen. Jetzt ist es zu spät!“ Dann stand sie auf, ging zur Terrassentür und betrachtete gedankenverloren die lebhaft spielenden Kleinen.

„Wissen sie, wir hatten einen erfolgreichen Betrieb. Wir wollten in jungen Jahren sähen und im Alter ernten. Nie hätten wir an eine tödliche Krankheit gedacht! Jetzt ist unsere Ernte verdorben worden. Es war ein Schock, ein wahnsinniger Schock als der Arzt uns mitteilte, dass ich unheilbar krank sei. Ich hatte tagelang geweint! Warum denke ich jetzt so? Warum bin ich erst jetzt schlau geworden?“ Traurig suchten ihre Augen das Bildnis der Mutter Gottes, welches neben der kleinen Nasszelle hing.

„Hätte ich doch einiges anders gemacht! Ich habe so viel verpasst! Heute ist es zu spät, viel zu spät!“ Sie setzte sich wieder an den kleinen Tisch neben dem Bett. Der Kaffee war inzwischen kalt geworden, dennoch nahm sie einen kleinen Bissen vom Nachmittagskuchen.

„Früher habe ich immer gerne gebacken. Das Haus war voller Leben. Wissen sie, wir hatten immer viele Bekannte. Später hatten wir dann keine Zeit mehr. Die Kinder wohnen jetzt außerhalb und die Freunde sind sehr rar geworden.“

Sie legte sich wieder auf ihr Pflegebett, denn das häufige Stehen und Sitzen wurde für sie zunehmend anstrengender. Zwei Wochen schon war sie Gast in der Einrichtung. Sie konnte es nicht mehr verdecken, ihr körperlicher Abbau schritt langsam voran.

„Ach, hätte ich doch!“ wiederholte sie müde und ihre schweren Augenlider schlossen sich langsam. Schnell war sie eingeschlafen.

„Vielleicht träumt sie wenigstens jetzt von ihren verpassten Chancen, ihren verlorenen Reisen und ihren fernen Enkeln!“, dachte der Besucher.

Dann schlich er sich leise aus ihrem letzten Zimmer.

© Ludwig Szopinski