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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Steg
"Wenn ich Gott nur in die Finger kriegen könnte, ich würde ein ernstes Wörtchen mit ihm reden! Der soll mir mal unter die Augen treten! Wie kann er das nur zulassen? Ich bin richtig sauer auf ihn!"

Der junge Mann schaute mit traurigen Augen ins Leere. Ja, traurig war er. Seine Mutter starb, als er gerade in der Pubertät war. Sie hatte ihn einfach allein gelassen, einfach so! Krebs! Dabei hatten sie sich doch so gut verstanden.

Es war eine sehr enge Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter. Nicht, dass er ein Muttersöhnchen war, nein, sie waren eben nur sehr vertraut miteinander. Eine enge Beziehung, wie sie oft auch zwischen Vätern und Töchtern zu finden ist. Ein Verhältnis, dass sich aus großem Verständnis und tiefer emotionaler Nähe gründet. "Sie starb einfach, ohne das ich mich verabschieden konnte. Wie konnte Gott das nur zulassen? Ich bin richtig wütend!" Verbittert schaute er dabei in die Ferne. "Anfangs empfand ich schon ihre Anwesenheit. Ich hatte schon das Gefühl, dass sie ab und zu bei mir war – aber das ist bestimmt Einbildung."

Er fühlte sich allein gelassen! Eine vertraute Beziehung, die jäh abgeschnitten wurde. "Ich habe wohl schon von Nachtoderfahrungen gehört, aber ich glaube nicht daran!", sprach er fast selbstvergessen vor sich hin. „Meine Mutter hätte sich schon längst gemeldet!“ Sein Gegenüber hörte nur still zu.

Er seufzte tief und fuhr fort: "Wenn ich das doch nur glauben könnte! Man hört und liest davon, aber ich habe es noch nicht erlebt. Ich habe es zwar einmal gespürt, aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin richtig wütend auf Gott, dass er das zulassen konnte." Nach einem Gedankenseufzer fuhr er fort:  "Ich würde ja schon gerne glauben, dass es Dinge zwischen Himmel und Erden gibt, die man nicht erklären kann, aber ich habe es bisher noch nicht erlebt. Ich vermisse meine Mutter."

Der junge Mann versank in seinen Erinnerungen. Immer wieder dachte er an den Verlust. "Sollte es wirklich so sein? Einerseits die hoffnungsvollen Beschreibungen von unglaublichen Erscheinungen, von unglaublichen Kontakten – andererseits das lange Schweigen. Die Glücklichen, die solches schon erleben durften. Warum ist es nur so still? Und wenn es stimmt, dass Verstorbene sich melden können und wenn es stimmt, dass viele Menschen bereits Erfahrungen machen durften, warum denn ich noch nicht?" Er schien dabei sein Gegenüber nicht mehr zu bemerken. Es schien, als redete er seine Gedanken in den Wind, damit diese weit weg getragen werden.

"Stimmt es, dass sich Verstorbene auch noch nach Jahren melden können?" Fragend erhob er seinen Kopf. "Kann es sein, dass ich es einfach noch nicht bemerken konnte, dass ich noch nicht sensibel genug bin?" Er begann über sich selbst zu reflektieren. Plötzlich war nicht mehr der Verlust die Frage, sondern – er selbst.

"Vielleicht muss ich einfach mehr in mich hinein horchen? Vielleicht muss ich mehr beobachten?" Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf. "Vielleicht muss ich mehr auf die vielen Kleinigkeiten achten, die mir dann ein Geheimnis offenbaren?" Seine Züge veränderten sich, hoffnungsvolle Gedanken tauchten auf.

"Vielleicht sollte ich demütiger werden? Vielleicht sollte ich einfach die Zeit wirken lassen? Vielleicht sollte ich einfach nur wach sein?" Er seufzte fast unmerklich. Gedankenverloren saß er seinem Zuhörer gegenüber. Er begann sein Selbst als Schlüssel neuer Erfahrungen zu begreifen.

Erkennend sagte er plötzlich: "Tja... Die Hoffnung stirbt zuletzt!". Der Zuhörer lächelte!

© Ludwig Szopinski