Home
 
Fünf - Kleine - Engel - Seite
5-kleine-Engel-Seite

Denn du bist mein Freund

Herz Ich sitze an deinem Bett. Deine Augen sind der Welt verschlossen. Dein offener Mund vergrößert sich luftringend bei jedem Atemzug.

Ich spreche mit dir, aber du antwortest nicht. Ob du mich hörst? Ich nehme deine Hand und spüre eine Bewegung. Sind es nur Reflexe oder fühlst du mich wirklich?

Spürst du, dass ich bei dir bin? Spürst du, dass ich dir dankbar beistehen werde? Es wäre wunderbar, denn du bist mein Freund!

Manchmal bilde ich mir ein, dass sich dein Atem verändert wenn du meine Stimme hörst. Manchmal bilde ich mir ein, dass du dann ruhiger wirst. Wie ein Radiosprecher erzähle ich aus meinem Leben. Ich erzähle von gemeinsamen Stunden. Ich spreche über viele gute Dinge, aber ich schweige auch. Ich schweige mit dir, damit ich in dich und auch in mich hinein horchen kann. Dann bete ich, denn du bist mein Freund!

Ich sehe Perlen auf deinem Gesicht. Dein kranker Körper leistet Schwerstarbeit und dein Brustkorb kämpft wie ein Krieger gegen die tödliche Schwerkraft. Manchmal scheinst du zu verlieren, aber dann reißt dich ein tiefer Atemzug ins Leben zurück. Deine schwachen Bewegungen sind wie ein letztes Winken. Auch dein Gesicht hat sich verändert. Deine Wangen zeichnen das Bild des Todes, denn deine Krankheit zehrte dich völlig auf. Ich schätzte immer deine Stärke. Nun darf ich dir Kraft schenken, denn du bist mein Freund!

Das schwache Krankenlicht reflektiert die kühle Nässe deiner leblosen Arme. Kalt liegt deine Hand in meiner Hand. Deine äußere Wärme flüchtet zur Rettung nach Innen. Dafür schenke ich dir meine Wärme, denn du bist mein Freund!

Du ziehst dich weiter zurück. Ich spüre, dass deine Reise schon längst begonnen hat. Ich schaue auf dein Gesicht. Du lebst bereits in einer anderen Welt. Die Regungen deines Gesichts zeigen deinen lebendigen Geist. Ich sehe dich manchmal überrascht, aber nie ängstlich. Wüsste ich doch, was du gerade empfindest. Lebst du in deiner Vergangenheit, oder lebst du bereits deine neue Zukunft? Ich versuche dir ganz nahe zu sein. Ich versuche aus deinem Gesicht zu lesen, denn du bist mein Freund!

Ich sehe dein blassgelbes Gesicht. Ich sehe das Zucken deiner Arme und ich sehe das Zucken deines Körpers. Deine letzten Bindungen wollen sich lösen. Das Tor ist offen. Du bist auf dem Weg und du bist bereit aufgenommen zu werden. Ich werde dich bis zum Abschied begleiten, dir zuwinken und eine gute Reise wünschen. Ich werde dich nie vergessen und ich werde immer darauf vertrauen, dass wir uns in der anderen Welt wiedersehen, denn du bist - und bleibst mein Freund!

© Ludwig Szopinski