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Gefangen im Körper
  
Gefangen...
Was für einen Tag haben wir heute eigentlich? Gestern war Michaela bei mir. Hatte sie nicht gesagt, es sei Dienstag? Und Marita war auch lange nicht mehr bei mir. Ob sie heute kommt? Haben wir jetzt Mittwoch oder nicht? Ich bin schon ganz durcheinander.

Der Rücken tut mir auch weh. Wie lange liege ich in dieser Stellung? Warum kommt denn niemand? Ich möchte endlich gewendet werden. Hoffentlich kommt bald die Schwester. Ich kann es fast nicht mehr aushalten! Und dann das blöde Jucken!

Entspanne dich Udo! Lenke dich ab und denke nicht daran!

Mensch, Schwester, komm doch endlich! Ich warte auf dich!

War das schön im letzten Urlaub. Eine glückliche Zeit! Dort konnte ich mich noch gut bewegen. Die Sonne, das Meer – das Essen. Hätte ich doch nie der verfluchten, künstlichen Ernährung zugestimmt. Das elende Lähmungsleiden wäre schon längst zu Ende. Das Gerätepiepsen der Futtermaschine erschreckt mich jedes Mal. Ohne Schlauchnahrung würde es mir viel besser gehen. Dann wäre ich wenigstens schon längst tot! Warum dauert das alles nur so lange?

Ich lebe nur noch in der Erinnerung. Ich existiere nur noch in meinem Denken. Ich bin eine unnütze, bewegungslose Denkmaschine. Tausendmal lebe ich die gleichen Gedanken. Hoffentlich gibt es bald ein Ende! Warum nur werde ich mit dem Leben bestraft?

Warum kommt denn niemand? Schwester! Eigentlich bin ich schon längst tot. Ein atmender Toter! Ich habe Schmerzen, ich werde lauter stöhnen. Vielleicht hört man mich auf dem Flur. Ist die Zimmertüre überhaupt offen? Es ist so still hier. Immer schließen sie die Türe, immer schneiden sie mich vom Leben ab. Unbeweglich und allein. Ich habe Angst! Mein Gott, hol mich bitte ab! Ich mag nicht mehr! Ich bin müde! Ich bin so schrecklich müde!

Schlaf! Lieber tiefer Schlaf, komm doch endlich! Nein, bitte lieber Tod, komm zu mir, nimm mich auf! Jetzt! Ich will und kann nicht mehr warten.

Warum muss ich das erleiden? Ich kann nicht mehr essen, ich kann nicht mehr sprechen – nichts kann ich mehr. Nur noch ein kleines Augenzwinkern! Ich – ein unbeweglicher Klumpen Fleisch mit einem wachen Gehirn. Lasst mich doch bitte sterben! Höchstmaß Lebensstrafe! Ach, wie liebe ich den Tod!

Höre ich Schritte? Na endlich!

„Hallo Udo! Ich freue mich dich zu sehen!“

Endlich ist sie da! Marita ist so herrlich jung und schon so reif. Wenn du wüsstest, wie sehr ich mich über deine Begleitung freue! Wenn du wüsstest, wie sehr ich deine Nähe genieße. Schön, dass du da bist! Ich könnte es herausschreien! Hör mich doch endlich! Schau mich an! Lese in meinen Augen!

„Freust du dich auch?“

Ich spüre die Impulse meines Lächelns. Wenigstens kann ich noch zucken. Warst du beim Friseur? Deine Haare sehen so anders aus. Du siehst gut aus. Du hast so schöne Augen, komm doch näher - bitte! Warum kommst du nicht näher? Ich freue mich so über deine Gegenwart und doch bin ich so unendlich traurig!

„Schön, dass du dich auch freust! Darf ich dir gleich mit dem Löffel ein Schlückchen Kaffee für den Geschmacksnerv reichen?“

Du Goldstück! Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen können, einmal richtig Danke sagen! Wenn du wüsstest was ich empfinde! Ich denke intensiv – vielleicht fühlst du etwas, vielleicht antwortest du mir. Sag doch endlich, dass du meine Dankbarkeit empfängst, dass du sie verstehst! Lese mein Denken! Ist es denn wirklich so schwer, mich zu erfühlen, mich zu verstehen? Du darfst doch sagen, was ich hören möchte! Sag es bitte!

„Ich komme gleich wieder! Ich hole dir nur schnell den Kaffee!“

Ich höre nicht auf dir zu danken, denn du bist ein Engel! Ein echter Erdengel! Herr, ich danke dir für diesen Menschen. Du machst mich glücklich! Und auch das Jucken und die Schmerzen sind plötzlich verschwunden!

© Ludwig Szopinski