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Hoffnung geben

Hoffnung
„Es kann nicht mehr besser werden.
Es kann nur noch schlechter werden!“

Die junge Patientin der Palliativstation schluckte merklich und ihre Hoffnung stürzte wieder in ein tiefes schwarzes Loch. Hitzewallungen berührten sie und ihr Herz begann plötzlich zu rasen. Wenn sie nicht bereits bettlägerig wäre – der Boden würde sich öffnen.

Der Arzt sprach weiter auf sie ein, jedoch prallten seine Worte von ihren Ohren ab. „Wie kann er so reden?“, dachte sie innerlich aufgewühlt. Dabei spürte ihr Körper schmerzvoll die einbrechenden Hoffnungsgefühle. Empfindungen der Leere erschwerten ihr Denken und die nunmehr wieder ausbrechende Lebenssehnsucht quälte sie von Atemzug zu Atemzug. Sie fühlte sich betroffen!

Ihre schwere Krankheit fesselte sie schon seit vielen Wochen ans Bett. Natürlich war ihr seit langem bekannt, dass für sie keine Heilungschancen mehr bestanden. Natürlich wusste sie von ihrer begrenzten Zeit und von dem am Horizont schon schwach scheinenden Abschied. Trotzdem tat ihr der unvermittelte Satz des Arztes weh.

„Ich will nicht immer daran denken. Ich will nicht immer vom Tod hören. Vielleicht wird es ja doch noch besser.“ Immerhin empfand sie zeitweise auch gute Phasen des Wohlgefühls. Besonders wohl ging es ihr bei den Besuchen der Tochter. So jung noch und mitten in der Pubertät – nein, sie wollte und musste für sie leben.

In ihren Träumen malte sie sich ihr Leben nach der Krankheit aus. „Vielleicht gibt es doch noch ein Wunder, vielleicht werden mir doch noch Jahre geschenkt.“, dachte sie. Immerhin durchlebte sie manchmal hoffnungsvolle Augenblicke. Dabei vergaß sie für kleine  Augenblicke ihre schwere Krankheit und manchmal fand sie sogar zu ihrer alten Fröhlichkeit zurück.

Ihr hoffnungsvoller Lebenswille stärkte auch ihre Liebsten. Sie fühlten sich durch ihre Zuversicht getröstet, obwohl sie von ihrem unausweichlichen Weg wussten. Dabei spürten sie Glücksgefühle und eine zunehmende Verbundenheit.

Am nächsten Tag dann, während der morgendlichen Pflege, öffnete die junge Frau ihre Seele gegenüber der Schwester und sagte:

„Wissen sie was? Ich weiß, dass ich bald sterben werde und ich mache mir auch nichts vor – aber der wunderbare Gedanke der Hoffnung ist einfach viel zu schön!“

© Ludwig Szopinski