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Es ist nie zu spät

Brücke
„Mit meinem Vater verstehe ich mich seit Jahren nicht mehr.“ sagte der Sohn. Sein Blick war befangen und seine Augen wussten noch nicht, ob sie gleich weinen sollten.

„Wir hatten sehr schwierige Jahre,“ fuhr er fort, „nun wird er sterben. Ob er noch mitbekommt, dass ich ihn jetzt besuche?“

Niedergeschlagen und voller Selbstzweifel saß er in der kleinen Hospizküche. „Ergreifen sie bitte seine Hand und drücken sie sie. Sprechen sie mit ihm und streicheln sie seine Wangen und seinen Kopf.“ entgegnete der Sterbehelfer. „Vielleicht können sie dabei spüren, ob und wie er sie noch wahrnimmt!“

Der Sohn schaute überrascht, denn die körperliche Nähe zum Vater war ihm nach all den getrennten Jahren fremd geworden. Er atmete schwer - diese Gedanken irritierten ihn. Dann lächelte er verlegen und ging zum Vater.

Einen Tag später...

„Ihr Vater ist ruhig eingeschlafen! Darf ich sie begleiten?“ Der Hospizhelfer führte den Sohn einfühlsam zum aufgebahrten Vater.

Traurig und mit verweinten Augen kam er nach Minuten zurück. „Ich habe so viel verpasst! Ich habe so viel Zeit vergeudet! Jetzt ist es zu spät!“ sagte er traurig. Seine feucht roten Augen zeigten seine Verwundung, seinen offenen Schmerz.

„Hatten sie denn das Gefühl, dass ihr Vater sie noch erkannt hat?“ wollte der Helfer wissen. Der Sohn bejahte stumm. Dabei zitterten seine Finger.

„Haben sie Kinder?“ wollte der Hospizhelfer weiter wissen. Der Sohn nickte!

„Stellen sie sich vor, ihr Kind kommt nach Jahren der Irritationen liebevoll zu ihnen zurück. Was würden sie in sich fühlen? Wären sie über das plötzliche Kommen nicht sehr glücklich? Würden sie nicht ihr Kind wieder fest in den Arm nehmen wollen?

Und so ist es ihrem Vater ergangen! Sie sind zu ihm gekommen und haben ihn in Liebe berührt. Sein Sohn ist zurück gekommen, zurück zur Liebe des Vaters. Sie haben ihm das Glück seiner letzten Tage geschenkt. Verstehen sie jetzt das Gleichnis vom verlorenen Sohn? Es ist nie zu spät!“

„Danke!“ sagte er nachdenklich und seine Augen glänzten!

© Ludwig Szopinski