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Das Märchen vom Bereuen und Verzeihen

Der gierige Mann

Es war einmal ein Mann, der lebte in einem goldenen Palast in der sumpfigen Tiefebene des Landes Nimmersatt. Dieser Mann war so reich, dass er sich alle Wünsche erfüllen konnte.

Schatzkiste
Aber all sein Reichtum gründete nur auf den Tränen der Menschen. Immer wo er nur konnte betrog er die Menschen. Sein ganzes Leben war erfüllt von tiefer Gier. Aber nun wurde er alt und krank.

"Ach, könnte ich doch wieder gesund werden!" seufzte er tagein und tagaus, "Ach, würde doch jemand kommen und mir helfen!".

So vergingen Stunden, Tage, Monate und Jahre. - Doch nichts geschah.

Als alle Hoffnung verloren war, klopfte plötzlich eine zerlumpt aussehende, übel riechende Gestalt an seine Tür. Der reiche Mann erschrak und schloss sofort die Tür, wie er es immer bei Bettlern tat - doch hörte er die Gestalt leise murmeln:

"Zauber, Zauber, eins zwei drei - brich dem Mann das Herz entzwei!"

Da bekam der alte Mann Angst, öffnete die Tür und sprach:

"Halt! Sprich! Ich bin krank und brauche Hilfe!"

Die Gestalt sprach geheimnisvoll:

"Du bist reich, dein ganzes Leben hast du den Menschen Leid gebracht, aber ich werde dir helfen. Ein jeder Mensch muss hoffen. Niemals darf die Hoffnung schwinden. Ein jeder Mensch muss bereuen, muss auch verzeihen können. Darum gebe ich dir eine Wunderlampe. Wenn du ihr Geheimnis entdeckst, wirst du gesund und glücklich werden!"

Die Gestalt verschwand, der gierige Mann war wieder allein.

"Eine Lampe mit einem Geheimnis." sprach der Mann glücklich zu sich selbst, "Sie gehört mir, mir, mir ganz allein!".

Doch er wurde trauriger als vorher, denn er konnte der Lampe kein Geheimnis entlocken. Er sprach zu ihr, rieb sie, schüttelte sie - alles war vergeblich! Nein, die Lampe hatte kein Geheimnis!

Die Zeit verging, fast war die Lampe vergessen, da erinnerte sich der gierige alte Mann an die Worte der Zaubergestalt an seiner Tür.

"Bereuen und verzeihen?"

Nun wurde das Herz des Mannes noch schwerer!

"Nein, das will und kann ich nicht... Oder doch?"

Nun konnte er nicht mehr schlafen. Er war ganz unruhig. Völlig neue Gedanken erfassten ihn.

"Ob ich es nicht einfach probieren sollte?" sprach er leise zu sich selbst, "Böses bereuen und mir auch noch verzeihen?" "Mir?"

Neugierig nahm er die Lampe in die Hand und sprach:

"Ich bereue und verzeihe!"

Nichts geschah! Immer wieder versuchte er der Lampe das Geheimnis zu entlocken.

"Nun, sprechen allein reicht vielleicht nicht." dachte der Mann und überlegte was er noch machen könnte.

"Vielleicht mit dem Herzen sprechen? Mit dem ganzen Herzen!"

Der Mann erschrak, denn plötzlich erschien aus der Lampe ein Geist.

"Du bereust und verzeihst mit deinem ganzen Herzen! Ich führe dich nun auf einen hohen Berg. Dort im Hochland wirst du auf ewig gesund, glücklich und zufrieden sein!"

"Folge mir!" Der alte Mann starb und - ging hinüber.

© Ludwig Szopinski