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Sehnsucht oder Nur ein kleines Bisschen!

Wand
Erfolgreich war sie! Schon als junge Frau führte Brigitte ein kleines Steuerbüro. Gemeinsam mit ihrem Mann erfüllten sie sich einen Traum, ein Haus im Grünen. Ihre mittlerweile erwachsenen Töchter wohnten zwar in der Ferne – aber eigentlich ging es ihr gut, wenn da nicht die unselige Krankheit wäre.

Seit vielen Monaten litt sie unter ihren Tumoren. Das Leiden und die vielen Medikamente veränderten die vormals hübsche Frau sehr. Die Zeiten, in denen die Männer sie bewundert anblickten, waren längst Vergangenheit. Ihr Leben hatte sich verändert.

Nun litt sie unter ihrem aufgeschwemmten Körper und dem immer langsamer werdenden Denken. Sie fühlte sich krank, hässlich und verlassen.

Das Rollstuhlsitzen wurde zunehmend beschwerlicher. Ihre Perspektiven, und somit auch ihre Träume, flossen wie ein breiter Strom abwärts. Die Ärzte machten ihr keine Hoffnung, ihr Lebensmittelpunkt wurde das Bett.

Sie lebte nur eine halbe Autostunde entfernt in einer helfenden Einrichtung. Obwohl sie von ihrem Bett aus auf einen blühenden Garten schauen konnte, fühlte sie keinen Ersatz. Die vormals erfolgreiche und attraktive Frau war ein Schatten ihrer selbst. Ihre immer dünner werdende Haut zeigte zunehmend blutrote Flecken, vergleichbar den exotischen Inselmustern einer unbekannten Seekarte. Ihre schleppende Sprache stand im krassen Gegensatz zu ihrer früher lebhaften Art. Sie war jemand anders - und doch war es Brigitte.

Ihre Freundin Heidrun besuchte sie regelmäßig. Lange Gespräche strengten sie sehr an. Als zeitfüllenden Ersatz schauten sie gemeinsam Fernsehen. Die Geräusche waren für Brigitte wichtig. Nur keine Stille! Die seichten, nachmittäglichen Talkshows gaben beiden nur wenige Gesprächsanreize. Für Brigitte waren es Berieselungsbilder zur Zeitvernichtung. Die meisten Sendungen waren ihr gleichgültig, nur die Tiersendungen gaben ihr Freude. Hier fühlte sie sich an ihren kleinen Schmusekater erinnert, den sie so sehr vermisste. Aber gleich mit dem Wohlsein stieg auch die Trauer. Wasser füllte ihre Augen, manchmal begleitet von Seufzern. Dann empfand sie ihr Alleinsein und ihre Einsamkeit besonders stark.

Die Besucherin spürte ein sich wiederholendes Unbehagen.
„Hattest du heute schon Besuch von deinem Mann?“, fragte sie, wie so oft.

Brigitte schüttelte den Kopf, wie sie es meist tat. Zu selten kam ihr Mann zu Besuch. Ihre unerfüllte Sehnsucht nach seiner Nähe ließ sie tiefer leiden. Sie hatten doch immer eine glückliche Ehe geführt, damals, als sie noch gesund und attraktiv war. Nun wartete sie oft vergebens. Zu selten waren seine Besuche, noch seltener seine Berührungen.

„Möchtest du darüber sprechen?“ fragte Heidrun.

Auch jetzt schüttelte sie schweigend den Kopf. Nichts ließ sie aus ihrer verschlossenen Seele heraus. Sie schwieg! Still litt sie ihren Weg. Es gab nur ein wiederholtes Seufzen.

Sie ist nicht mehr die, die sie war! - Heidrun erinnerte sich spontan an diesen Satz von Brigittes Ehemann. War das der Grund seiner Distanz? War das die Liebe, die sich glückliche Ehepaare für schlechte Zeiten versprechen? Liebte er seine Frau nicht mehr, jetzt, wo sie durch die Krankheit gezeichnet war und jetzt, wo sie nicht mehr dem Ideal einer gesunden Vorzeigefrau entsprach. Sie konnte es nicht verstehen, dass sich gerade jetzt der Ehemann auffällig zurückzog. Vielleicht hatte er Angst? Vielleicht war er zu bequem? Vielleicht vermisste er sie nicht mehr? Vielleicht hatte er eine andere? Sie dachte still darüber nach und fühlte eine leise Wut in sich aufsteigen.

Dann sah sie Brigitte voller Mitgefühl an und fragte tröstend:
„Freust du dich denn wenigstens, dass ich bei dir bin?“

Brigitte drehte den Kopf, hob die rechte Hand und drückte ihren Daumen und Zeigefinger fest zusammen. Gequält und mit einem leidenden Scherz erwiderte sie:

„Nur ein kleines Bisschen!“

© Ludwig Szopinski