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Novembergedanken

Gleise
Sie schaute mir in die Augen: „Wissen sie was ich mache wenn ich allein bin?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich weine!“

Ich saß an ihrem Bett. Meine Blicke schweiften durch das Zimmer. „Das ist nun ihr letztes Zimmer! Hier wird ihr langes Leben enden. Das Abendrot ihres Lebens leuchtet heller und heller!“ dachte ich und schaute wieder auf ihr altes, würdevolles Gesicht. Es wirkte lebendig und traurig zugleich.

„Ich würde noch so gerne das Weihnachtsfest erleben, so gerne einen Tannenbaum sehen, aber ich glaube ich schaffe es nicht mehr.“ fuhr sie fort, „Ich habe Angst!“  Da war sie wieder – die Angst!

„Sie durften sehr alt werden!“ erwiderte ich vorsichtig, „Ihre Eltern leben nicht mehr, ihr Mann ist seit Jahren verstorben. Alle Tanten und Onkel, die sie als Kind geliebt haben und die sie auch  liebten, sind vorausgegangen. - Von wie vielen Freunden und Bekannten wurden sie im Leben geliebt? Auch hier sind bereits viele verstorben!“

Sie nickte!

„Warum sollten wir uns denn vor dem Tod fürchten, wo doch die vielen Menschen, die uns hier geliebt haben, bereits vorweg gegangen sind und jetzt auf der anderen Seite stehen, auf der anderen Seite auf uns warten?“

Sie schaute mich erstaunt an!

„Und warum sollten wir Angst empfinden, wenn wir dort hin gehen müssen, wo schon die geliebten Menschen sind, die uns im Leben begleiteten, uns hier liebten und schützten und sich für uns sogar aufgegeben hätten. - Würden sie dort nicht auch auf ihre Kinder, auf ihre Liebsten sehnsüchtig warten wollen?“

Sie schwieg!

„Eltern, Schwestern, Brüder und viele Verwandte erwarteten uns freudig zur Geburt. Nun erwarten sie uns wieder – zu unserer nächsten Geburt! Glauben sie, dass sie sich freuen?“

Sie lächelte und ihre Augen begannen zu leuchten! Dabei drückte sie mir die Hand, die ich ihr während des Gesprächs hielt.

© Ludwig Szopinski